Wie wüsste ich auswendig, wo poetisch der Wunsch nach Erbrechen oder Flucht beim Beisammensein mit Freund:innen beschrieben wurde.
Nach vier Tagen – für den Kern „nonstop“, für mich mit möglichst vielen kleinen Rückzügen, um frische Luft zu atmen – ist mein Puls trotz erholsamer Nacht no h hoch. Es rumort in mir. Die innere Ruhe ist immer noch weg. Das ist beachtlich und die Tiefe der inneren Reaktion erstaunt mich.
Als wiederkehrendes Backflash erscheint mir, dass immer über das Gleiche (Familie – mit Vorliebe Neugier, wem es schlecht gehen könnte und der dazu notwendigen empathischen Trauerbekundung – und Geld (Pensionierung, Kosten im Altersheim und Erbe) und Politik.
Mir fehlt Neugier an Unbekanntem (zielstrebig wird durch die Stadt geschritten) und feiner Humor, der nicht auf Plattitüden aufbaut und Freude an den kleinen Ereignissen, die zart unseren Weg durch die Stadt säumen.
Mir fehlt die Luft zum Atmen: Wenn ich mich nach draussen begebe, werde ich begleitet, wenn ich rüste, rüsten gleich zwei mit mir, wenn ich putze, wird von rechts und links mitgeputzt. Machst du den Griff? Ich mache die Platte. Machst du die Beine? Ich mache die Kanten.
Und ich denke, das, was mich trifft ist, dass wenn ich z. B. beim Kochen sage, welche Zutaten zur Sauce gehören – damit die Rüstmaschinerie läuft – fast ausnahmslos jede anwesende Person Tipps gibt, was man noch dazu geben könnte. Entweder schwimmt man mit dem Zufallsbrei an Beilagen mit oder frau muss sich ständig rechtfertigen.
Plappern.
Jeder darf.
Auch bei politischen Themen. Bei denen es meiner Meinung nach vor allem Hintergrundswissen braucht, um die Mechanismen zu verstehen. Mir scheint manchmal, dass es nicht so sehr ums Verstehen der Hintergründe geht, sondern eben ums Plaudern. Alles was empört, wird erzählt. Vielleicht, weil nicht mehr viel Zartes und Neues erfahren wird, berühren emotional nur noch die grossen Empörung. Haben wir denn nichts anderes, über das wir reden können? Z.B. über die Architektur anfangs des 20. Jahrhunderts? Über die militärische Verstrickung Berns/der Schweiz und deren Machtpolitik im späten Mittelalter? Über den Hintergrund, warum wir kommunizieren? Ob die Sprache der Sitz des Bewusstseins und somit der Identität ist und was ist, wenn sich jemand sprachlich nicht ausdrücken kann? Wie entsteht ein Doppelregenbogen und warum …?
Ich merke, wie privilegiert ich bin. Dass ich feine Nuancen erleben darf und in mir die Neugier auf das Unbekannte brennt.
Ich bin froh, wenn ich mich mit meinem Partner über das Unwesentliche austauschen kann. – Es nährt meine Seele.