Ein glücklicher Jogger gesehen

Einer Erleuchtung gleich berührte mich heute beim Joggen ein Mitbewohner der Erde. Wie üblich, jogge ich moderat und grüsse die Entgegenkommenden: Fussgänger*innen mit und ohne Hund, Smartphone oder Kind, Velofahrer*innen mit oder ohne Scheinwerfer, Motor oder Kopfhöhrer, kurz: man kreuzt beim Joggen   die Mitbewohner*innen des Jahres 2026.

Und nun, heute, war ich echt berührt durch eine flüchtige Bekanntschaft im Vorbeijoggen: ein älterer, leicht rundlicher  Mann mit gestutzdem Bart kam mir joggend, lächelnd  und sichtlich in sich ruhend und glücklich entgegen.

Er joggen nicht langsam! Aber eben nicht zu schnell. Er scheint die Bewegung und die Sonne zu geniessen und scheint frei von einem extern gefütterten Ehrgeiz, die Anstrengung sichtbar zu machen.

Schlagartig wurde mir bewusst, wie selten man unverbissene Sportler*innen trifft.

Ich joggte philosophierend weiter. Woher kommt dieses Ideal, dass man sich „auskotzen“ soll? Dass Grenzüberschreitungen gesund und gut sind? Hat das nicht etwas Martialisches? 

Das Martialische und der Glaube, dass es ohne Gewalt nicht geht, beschäftigt mich diese Tage, weil ich Viktor Kravchenkos „Ich wählte die Freiheit“ (1947) lese. Kravchenko ist ein überzeugter Roter, der sich zunehmend von Stalins Diktatur abgestossen fühlte und leider nur in der Desertation seine Möglichkeit zum Verweigern ungerechter Befehle sah.

Wohl augrund der in mir brodelnden, inneren Abneigung gegenüber dem Diktatorischen, kam mir dieser zufriedene und unabhängige Mann beim Joggen wie eine Offenbarung daher: es geht auch ohne Extremismus.